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Critical Mass: Friedlicher Protest auf zwei Rädern

Critical Mass, die kritische Masse – das sind Hunderte Radfahrer, die regelmäßig zusammenkommen, um auf ihre Rechte im Stadtverkehr aufmerksam zu machen.

Straße ins Nichts: Radwege in schlechtem Zustand

Radfahrer haben es nicht leicht im Straßenverkehr, insbesondere in Großstädten wie Berlin oder Hamburg. Auf dem Land sind die Wege in der Regel breit genug für alle, Autos, Fahrräder und Fußgänger. In den Städten dagegen befinden sich die Radwege oft in einem schlechten Zustand: Von Baumwurzeln durchzogen, übersät mit Schlaglöchern, zugeparkt, im Herbst nicht von Laub befreit, im Winter nicht vom Schnee geräumt oder schlichtweg im Nichts endend – Fahrradfahrer müssen auf alles vorbereitet sein. Und blicken dabei neidvoll nach Amsterdam, Kopenhagen oder Münster – Städte, die vorbildlich mit einer fahrradfreundlichen Infrastruktur vorangehen. Fahrradstraßen, -parkhäuser und -brücken sind in diesen Radler-Utopias keine Seltenheit.

Auto- gegen Radfahrer: David gegen Goliath?

Sind gar keine Radwege vorhanden, müssen die Zweiräder auf die Straße oder den Fußweg ausweichen. Und hier droht ihnen der Zorn der Autofahrer oder Passanten. Fahrrad- gegen Autofahrer, Drahtesel gegen Blechpanzer, David gegen Goliath – wer hier bei einem Unfall den Kürzeren zieht, ist wohl klar.

Weil sich Fahrräder nicht sicher und ohne Beeinträchtigung auf den Straßen bewegen können, ist 1992 in San Francisco eine Form des Protests entstanden, um auf die Rechte und Belange von Radfahrern aufmerksam zu machen: der Fahrrad-Korso. Hunderte oder gar Tausende Radfahrer versammelten sich in der Westküsten-Metropole, um gemeinsam durch die (Innen-)Stadt zu fahren. Die Critical Mass, auf Deutsch: die kritische Masse, war geboren. Von den USA aus schwappte die Bewegung auch nach Europa über und erreichte 2008 in Budapest ihren Höhepunkt, als etwa 80.000 Teilnehmer bei der bislang größten Critical Mass der Welt mitfuhren. Wer ist jetzt David und wer Goliath?

Wir sind viele: Das Prinzip der Critical Mass

Das Faszinierende am Phänomen Critical Mass ist die Tatsache, dass es sich von ganz alleine zu organisieren scheint. Es gibt keinen Initiator oder Veranstalter, weder in einer bestimmten Stadt noch überregional. Denn das würde bedeuten, dass der- oder diejenigen dafür haften könnten, wenn es während der Fahrt zu Unfällen oder Zwischenfällen anderer Art kommt. Stattdessen wird das Internet, insbesondere die sozialen Medien, dafür genutzt, um Datum, Uhrzeit und Ort einer Critical Mass bekannt zu geben. Bei vielen Veranstaltungen wird der Treffpunkt, meist ein zentraler Platz in der City, erst wenige Stunden vor Beginn mitgeteilt, andere Events wiederum finden regelmäßig am selben Ort statt. Viele Städte haben mittlerweile eine monatliche Critical Mass, zu der sich regelmäßig Hunderte oder gar Tausende Radfahrer versammeln.

Und dann geht es los, durch die Innenstadt. Mit Musikboxen, geschmückten Fahrrädern, Lichterketten, Klingelkonzert oder in ausgefallenen Kostümen setzt sich der Protest-Korso in Bewegung. Der Rennrad-Besitzer wird hier allerdings nicht zeigen können, was sein Bike draufhat, denn mehr als 10 bis 15 km/h erreicht der Trupp nicht an Geschwindigkeit. Vom Critical-Mass-Teilnehmer wird dabei erwartet, dass er sich an die Verkehrsregeln hält, wilde Überholmanöver, gefährliche Tricks und unnötige Vollbremsungen vermeidet, und freundlich zu anderen Verkehrsteilnehmern – Fußgängern wie Autofahrern – ist. Auch respektvolles Verhalten gegenüber der Verkehrspolizei, die die Critical Mass üblicherweise begleitet, gehört zum guten Ton.

Allerdings sichert die Polizei den Fahrrad-Korso in erster Linie vorne und hinten. Die Radfahrer übernehmen den Rest selbst. Das bedeutet, dass einige Teilnehmer vorfahren und Kreuzungen und Abbiegungen blockieren, damit die Critical Mass die Straße ungehindert passieren kann. "Corken" wird das Dichtmachen der Zufahrt genannt. Zu diesem "Job" gehört auch, irritierte oder verärgerte Autofahrer zu beruhigen und ihnen zu erklären, worum es bei der Critical Mass geht, und dass sie bald weiterfahren können.

Die inoffizielle Fahrraddemo

Als Fahrrad-Schwarm durch die Innenstadt radeln – geht einfach so unangemeldet? Tatsächlich ja – gerade, weil es unangemeldet passiert. Denn würden die Teilnehmer der Critical Mass eine offizielle (Fahrrad-)Demo anmelden, müssten sie eine genaue Route, inklusive Start- und Zielpunkt vorlegen. Doch genau das wollen die Radfahrer nicht. Lieber möchten sie flexibel bleiben und eine Strecke fahren, die von den Teilnehmern an der Spitze spontan vorgegeben wird. Entpuppt sich der Weg geradeaus als Sackgasse oder ist gerade nicht passierbar, wird eben ungeplant rechts oder links abgebogen.

Auch vom Paragraf 27 der StVO gibt es Unterstützung für die inoffizielle Fahrraddemo. Dieser besagt nämlich, dass mindestens 16 Radfahrer, die sich zu einer Gruppe zusammenschließen, als ein geschlossener Verband und damit als ein einziger Verkehrsteilnehmer gelten. Das gibt den Teilnehmern der Critical Mass die Freiheit, auch über eine Ampel zu fahren, wenn diese schon längst wieder von Grün auf Rot gesprungen ist, oder nebeneinander auf einer dreispurigen Fahrbahn zu radeln.

Critical Mass in Deutschland: Hamburg hat die größte kritische Masse

In Deutschland ist die Critical Mass Hamburg wohl die landesweit größte Veranstaltung. Jeden letzten Freitag im Monat treffen sich die Teilnehmer zum friedlichen Protest auf zwei Rädern. Seit den Anfangstagen im Jahr 2000 ist die Anzahl der Fahrer stetig gewachsen, mittlerweile sind es meist über 1.000 Teilnehmer. Eine Critical Mass in Berlin findet sogar zweimal im Monat statt. Doch auch Bremen, Nürnberg oder Stuttgart haben ihre eigene Critical Mass. Und die wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die Straße auch für die Fahrradfahrer da ist – das besagt schließlich auch die StVO.