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Fahrrad reparieren: Wer schraubt, fährt länger!

Nicht für jede kleine Reparatur muss man gleich zum Fahrradhändler. Vieles kann man selbst machen. Aber wie? Spezielle Reparatur-Seminare des ADFC sollen da helfen. Aber bringen die was? Wir haben den Selbsttest gemacht.

Wer Rad fährt, macht das entweder wegen des sportlichen Ehrgeizes oder um die Natur zu genießen. Egal wo die Motivation herkommt: Radfahren ist gesund, Endorphine werden ausgeschüttet, dem Glück steht nichts mehr im Wege. Oder doch?

Eine schleifende Bremse, eine springende Schaltung oder eine knarzende Kette können dem Vergnügen schnell ein Ende bereiten und nerven einfach nur. Nun kommt nicht jeder als Mechaniker auf die Welt und auch wenn man in der Lage ist, zu Hause eine Glühbirne zu wechseln oder ein Loch in die Wand zu bohren, der Aufbau moderner Fahrräder erfordert doch ein Mindestmaß an Fachwissen, wenn man selbst Hand anlegen will. Wer sich dabei unsicher ist, dem bietet der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e.V.) die Gelegenheit, sich dieses Fachwissen sozusagen im Schnellverfahren anzueignen. Reparatur-Seminar heißt das Zauberwort. Aber bringt das was?

Rund 20 Männer und Frauen haben sich an einem sonnigen Sonntagmorgen in Hamburg beim ADFC getroffen. Zwar lacht draußen die Sonne und eine Fahrt in die Heide oder ins Alte Land bietet sich an, aber die angehenden Hobby-Schrauber wollen lernen. Jeder hat sein Rad mitgebracht und entsprechend breit ist die Palette der Modelle. Vom Edelreiserad für ein paar tausend Euro bis zum doch eher schrottreifen Exemplar, das aussieht als stamme es aus dem Fundbüro der Deutschen Bahn.

Vorbereitung für den Asien-Trip

Anja ist ganz aufgeregt. Im Herbst will sie eine mehrwöchige Tour durch Laos machen. Ihr ist klar, dass es im südostasiatischen Regenwald nicht an jeder Ecke einen Fahrradhändler wie in Hamburg-Altona gibt, und sie bei einer Panne auf sich selbst angewiesen ist. Ihr Fahrrad macht nicht den Eindruck, als müsse es demnächst repariert werden. Aber man weiß ja nie. An diesem Sonntag soll es vor allem um die Pflege der Kette, das Beheben einer Reifenpanne und die Einstellung der Bremsen gehen.

Zunächst die Theorie: Womit und wie reinigt man die Kette? Was funktioniert am besten als Schmiermittel? Große Augen bei allen Teilnehmern, als Dieter, der den Kurs leitet, erklärt, dass WD-40 zum Reinigen OK sei, als Schmiermittel aber nur Schaden anrichtet. „Es löst Fett und ganz schnell reibt an der Kette blankes Metall auf blankem Metall.“ Ein Blick auf das mitgebrachte Werkzeug und Schmiermittel der Teilnehmer zeigt: fast jeder hat das Zeug in seiner Tasche.

Finger weg von der Sprühdose

Dann geht es auch schon an die Fahrräder. WD-40 auf einen Lappen sprühen und dann die Kette durch den Lappen laufen lassen. „Wann ist die Kette sauber?“, fragt einer der Teilnehmer. „Wenn nichts Schwarzes mehr am Lappen ist“, meint der Mechaniker trocken. Die Atmosphäre ist aufgelockert, aber alle sind hoch konzentriert an ihren Rädern zu Gange. Nachdem die Ketten alle strahlen, als wären sie gerade erst frisch aufgezogen, kommt das Schmieröl zum Einsatz. „Beim Kauf von Schmieröl oder –fett solltest du darauf achten, dass es biologisch abbaubar ist“, sagt Dieter. „Viele Fette enthalten Silikon. Früher oder später tropft das entweder auf den Boden oder fällt zusammen mit Dreck und Sand einfach von der Kette ab. Silikon baut sich aber nur sehr schlecht ab und lagert so lange Zeit im Boden.“ Wieder was gelernt!

Die Ketten schnurren inzwischen über die Zahnkränze. Während die einen noch mit den letzten Details der Pflege beschäftigt sind, entwickeln sich unter den anderen Teilnehmern Gespräche über vollbrachte und geplante Radtouren. Donauradweg, schottische Highlands, Nordseeküstenweg, mit Zelt - ohne Zelt. Erfahrungen werden ausgetauscht und wertvolle Tourentipps gegeben.

Übung macht den Meister

Währenddessen ist Anja in die Einzelheiten ihrer hydraulischen Bremse vertieft und macht sich wohl Gedanken, wie dieses Wunderwerk der Technik in Laos im Schadensfall repariert werden könnte. „Wie muss ich die Bremse einstellen? Muss ich sie überhaupt einstellen? Und soll ich sicherheitshalber noch ein paar Bremszüge mitnehmen?“ Der freundliche Mechaniker, von dessen Schürze groß das Logo des Bremsenherstellers prangt, hat die Bremse mit zwei Handgriffen demontiert. „Einstellen musst du da eigentlich gar nichts.“ Anja bekommt ein bisschen Angst im Angesicht ihrer auseinandergenommenen Fahrradbremse. „Aber das bekomme ich doch im Leben nicht wieder zusammen“, ist ihr fassungsloser Kommentar. Der Mechaniker kann sie beruhigen. „Wenn du das zwei oder drei Mal machst, geht es wie im Schlaf.“ Anjas Träume vom entspannten Reisen entlang des Mekong sind noch nicht geplatzt.

Flickzeug oder Ersatzschlauch?

Unterdessen geht es auf dem Flur schon darum, was bei einer Reifenpanne zu tun ist. Alle Füllmittelchen, die über das Ventil eingefüllt werden und den Reifen abdichten sollen, kann man getrost zu Hause lassen.

Hast du dich auch immer gefragt, warum du überhaupt Flickzeug dabei haben sollst, wenn doch ein Ersatzschlauch alle Probleme löst? Bevor du mühselig bei einer Panne die undichte Stelle im alten Schlauch suchst, ziehst du doch lieber gleich einen neuen ein. An sich nicht schlecht der Gedanke. Nur hat man auf einer längeren Reise dann keinen Ersatzschlauch mehr. Deshalb besser den alten Schlauch aufheben und dann abends in der Pension oder auf dem Zeltplatz in aller Ruhe flicken.

Knoten in den Schlauch

Und noch was: Wenn man weder Flickzeug noch Ersatzschlauch bei sich hat, gibt es einen einfachen Trick, der es einem zumindest erlaubt, bis zur nächsten Fahrradwerkstatt zu kommen. Den Schlauch an der Stelle, an der das Loch ist, durchschneiden und dann in beide Enden einen festen Knoten machen. Da sich Schläuche auf der Felge immer deutlich ausdehnen, wenn sie aufgepumpt werden, passt sich der Schlauch bestens in den Mantel ein. Der Reifen läuft auch anschließend noch rund.

Gutes Werkzeug ist unerlässlich

Zum Abschluss des Seminars steht das Thema „Werkzeug“ im Mittelpunkt. Was soll man mitnehmen? Worauf kann man verzichten? Welches Werkzeug eignet sich besonders gut? Die Teilnehmer bestürmen jetzt die Mechaniker mit ihren mitgebrachten Werkzeugtaschen und wollen praktisch zu jedem Schraubenschlüssel eine persönliche Einschätzung. „Grundsätzlich gilt: Wer beim Werkzeug spart, spart an der falschen Stelle“, sagt Dieter. „Gutes Werkzeug kostet Geld. Dafür hält es dann auch entsprechend lang. Jeder erinnert sich wahrscheinlich noch an den Knochen, der vor Jahren die ledernen Satteltäschchen unserer Kinderfahrräder füllte. „Lasst die Finger von diesen Dingern“, mahnt Dieter. „Die Knochen werden heute aus billigem Spritzguss hergestellt. Sie brechen leicht ab. Es sollte schon ein Krankenhaus mit einer guten chirurgischen Abteilung in der Nähe sein, wenn man so einen Knochen verwendet. Denn man schneidet sich mit den scharfkantigen Enden ganz schnell die Sehnen oder Adern durch.

“Radfahrers liebstes Tool ist das Multitool. Aber auch hier gibt es einen Punkt zu bedenken. Multitools, die sich auseinander schieben lassen und dann aus zwei Teilen bestehen, haben den Vorteil, dass man damit auch eine Schraube kontern kann. Mit einem Werkzeug gleichzeitig schrauben und kontern ist ein Ding der Unmöglichkeit. In jedes vernünftige Multitool gehört auch ein Nippelzieher für die Kette. „Selbst wenn ihr nicht mit jedem Werkzeug perfekt umgehen könnt, nehmt es mit“, so Dieter. „Wenn ihr unterwegs seid, ist die Chance größer, auf jemanden zu treffen, der mit eurem Werkzeug umgehen kann als jemanden zu treffen, der das Werkzeug bei sich hat, das ihr braucht.“ Anja schaut in ihre Werkzeugtasche, in der genau so ein Multitool drin ist. Laos steht nichts mehr im Weg.

Prädikat: Empfehlenswert

Sicher wird niemand an einem Tag zum versierten Fahrradmechaniker ausgebildet. Die Seminare des ADFC vermitteln aber einen guten Eindruck über das technische Grundprinzip eines Fahrrades und helfen dabei, mit der einen oder anderen Panne vor Ort zu recht zukommen. Termine für die Seminare sind auf den Internetseiten der einzelnen Landesverbände des ADFC zu finden.


(Bildquellen: Christian Moeller; Fahrradjäger)

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