Leider meistens nur unter Stress möglich: Mit dem Rad durch den Verkehrsdschungel. | © iStock.com/mel-nik

Radler und Autos in der Kampfzone

Die Politik will, dass wir mehr Rad fahren. Wir wollen mehr Rad fahren. Warum macht man es uns nur so verdammt schwer?

Kennst du diese Angst? Du fährst auf einem Fahrradstreifen, der auf der Fahrbahn mit einer weißen Linie abgetrennt ist. Links rauschen sie mit 60 vorbei, rechts parken sie. Wenn nun einer rechts die Fahrertür aufstößt, ohne zu schauen - und du weißt, einer wird es mal wieder tun, früher oder später - welche Chance hast du? Einen potentiell selbstmörderischen Schlenker nach links, oder eine Vollbremsung mit trotzdem unausweichlichem Türkontakt? Oder gleich so langsam fahren, wie es deine Vorahnungen verlangen?

Nehmen die Planer lieber den Dienstwagen?

Ganz sicher kennst du diese Angst, wenn du nur ab und zu im Stadtverkehr Rad fährst. Ich tue das gern, es verschafft mir Bewegung und bringt mich von A nach B. Leider nur unter Stress, in einem täglichen Dschungel-Kampf, gegen den die Verkehrspolitik wenig ausrichtet. Radspuren auf der Straße zum Beispiel sind seit Jahren beliebt. Sie sind billig für die Kommunen und willkommen bei Radlern, die zügig vorankommen wollen.

Kreuzgefährlich bleiben sie trotzdem. Gerade solche, die nur mit einer gestrichelten Linie abgegrenzt sind - die heißen „Schutzstreifen“ und verschwinden einfach, wenn die Straße zu schmal wird, zum Beispiel wegen einer hübsch bepflanzten Insel in der Straßenmitte. Das ist der Moment, wo man hinter sich starke Motoren heulen hört, weil der Autofahrer nun seinen Moment gekommen sieht. Parken tun sie dort natürlich auch, beim Gestrichelten dürfen sie das sogar - nun gut, sie dürfen nur halten. Aber willst du darüber diskutieren, was das laut Straßenverkehrsordnung (3 Minuten!) bedeutet?

Dabei ist Rad fahren politisch hochgradig erwünscht - jeder weiß, dass der Anteil des Radverkehrs in den verdichteten Städten drastisch wachsen muss, um überhaupt noch voranzukommen. Deshalb hat man versucht, den früheren Kampf zwischen Radfahrern und Fußgängern (die nie gucken, wenn sie den Radweg kreuzen) zu beenden, hat dabei aber ein neues Schlachtfeld eröffnet. Und deshalb planen Hamburg, Berlin und München „Rad-Autobahnen“, deshalb werden überall Straßen neu bemalt. Mir scheint nur, dass die Planer im Zweifel lieber den Dienstwagen nehmen und hauptsächlich für Fototermine selbst aufs Rad steigen.

Kreuzungen zwischen Kunst und Irrgarten

Warum sonst wären die größte Errungenschaft von „fahrradfreundlicher“ Politik diese frisch aufgemalten kreuz-und-quer-Führungen an größeren Kreuzungen, irgendwo zwischen abstrakter Kunst und Irrgarten? Warum sonst kann kein Mensch den sich ständig ändernden Verordnungen und Regeln zur Benutzungspflicht von Radwegen und Ampeln folgen, die mit sich oft widersprechenden Schildern garniert werden? Jeder Radfahrer kann da von seinen „Lieblings“-Stellen berichten. Und immer enden die Vorzeigeprojekte der Städte in alten, zugewucherten Radwegen mit kräftigen Baumwurzeln. Und gern enden sie dann plötzlich im Nichts.

Die Aggression nimmt zu

Bei alledem nimmt die gefühlte Aggression zwischen den Verkehrsteilnehmern stetig zu. Für den Verkehrsexperten Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, ist das sogar der eigentliche Kern des Problems. Warum es in Kopenhagen oder Amsterdam so viel besser geht? „Entscheidend ist für mich, dass dort ein ganz anderes Verkehrsklima herrscht“, sagte Brockmann der „Süddeutschen Zeitung“. „Auto- und Radfahrer gehen da anders miteinander um.“ In Kopenhagen wird der Radverkehr seit Jahrzehnten massiv gefördert, 36 Prozent der Arbeitswege werden mit Pedalkraft zurückgelegt. So etwas verändert die Atmosphäre, aggressive Autofahrer werden dort nicht glücklich.

Öfter mal die Perspektive wechseln

Wie das hier besser werden könnte, verrät Brockmann nicht. Was Berlin vorhat, nach 19 Fahrrad-Toten im Jahr 2016, dürfte wenig helfen: die Hauptstadt plant eine Gesetzesinitiative, um die Bußgelder für Radfahrer drastisch zu erhöhen. Auch Forderungen nach einer Führerscheinprüfung für Radler werden die Stimmung nicht aufhellen.

Einstweilen bleibt nur, Frustration und Wut im Zaum zu halten und an die eigene Sicherheit zu denken. Vorausschauen, Rücksicht nehmen, bloß nicht deine Vorfahrt beanspruchen, ohne sicher zu sein, dass sie auch gewährt wird. Und sich möglichst oft in die Perspektive der Autofahrer oder Fußgänger hineinversetzen - auch wenn die gerade hupen oder übel schimpfen. Einer muss ja der Klügere sein.

Neue Regeln, neue Verwirrung


  • Radampeln: Seit dem 01.01.2017 gilt für Radler die Auto-Ampel, wenn die Fußgänger-Ampel kein extra Rad-Symbol hat - heißt, du darfst über die rote Fußgängerampel. Vor der Anwendung dieses Rechts wird dringend gewarnt - kein abbiegender Autofahrer weiß das.

  • Einbahnstraßen: In Städten ist inzwischen die Mehrzahl der Einbahnstraßen für Radler in Gegenrichtung erlaubt (mit Schild). Dort gilt dann, ganz normal, rechts vor links. Auch hier: Vorsicht, kein Autofahrer weiß das!

  • Lichtblick: Abnehmbare Batterie- oder Akku-Leuchten müssen jetzt nicht mehr am hellichten Tag mitgeführt werden. Das war eine beliebte Falle bei Verkehrskontrollen.

Über #BeatYesterday-Autor Raimund Witkop


Raimund Witkop hat als Sportjournalist (u.a. Welt am Sonntag, FAZ) auch über den Profi-Radsport berichtet. Privat kommt er vom Fußball und ist beim Tennis gelandet. Seine 6-jährige Tochter vermittelt ihm einen neuen Blick auf den Sport: Wettkampf zu mögen, muss man lernen. Die Übung, in der sie ihn als erstes überflügeln wird, steht aber schon fest: ein Rad schlagen.