Aktivkohle: Gesundheitswunder oder Marketing-Trick?

Als Eis oder in Kosmetikprodukten: Aktivkohle liegt voll im Trend und wird als Detox-Wunder gefeiert. Was ist wirklich dran am Kohle-Hype? Food-Journalistin Nicole Benke ging der Frage nach.

In letzter Zeit sehe ich in Sachen Ernährung ganz schön schwarz. Da laufen gesundheitsbewusste Großstädter mit Flaschen voll tiefschwarzem Wasser durch die Straßen, essen schwarzes Eis und sogar Croissants, die aussehen, wie verkohlt. Functional Food ist in – und einer der aktuellsten Trends sind mit geschmacksneutraler Aktivkohle angereicherte Lebensmittel. Denn die sollen den Körper entgiften und ihn von unerwünschten toxischen Stoffen befreien. Detox vom Feinsten also. Oder etwa doch nicht?

Was ist Aktivkohle überhaupt?

Grundsätzlich ist Aktivkohle eine feine Sache und wird nicht nur als Filtermaterial in Belüftungs- oder Wasseraufbereitungsanlagen und als Farbstoff (E 153 „Pflanzenkohle“), sondern seit langem auch als Heilmittel eingesetzt. Etwa in Form von Kohletabletten bei Durchfallerkrankungen oder Lebensmittelvergiftungen. Denn der aus natürlichen Rohstoffen wie Kokosnussschale, Linden- oder Kiefernholz hergestellte Kohlenstoff kann – dank großer innerer Oberfläche und seiner Porosität – Stoffe wie ein Schwamm aufsaugen und absorbieren. Unerwünschte Bakterien und toxische Stoffe werden so aufgenommen und ausgeschieden. Da wundert es eigentlich kaum, dass Unternehmen Aktivkohle nun auch in Food- und Beautyprodukten einsetzen. Einfach entgiften? Klingt doch gut!

Aktivkohle bindet auch die guten Nährstoffe

Doch es gibt einen Haken: Aktivkohle macht keinen Unterschied zwischen guten und schädlichen Stoffen. „Das ist das Problem an den neuen Produkten, die nicht als Arzneimittel, sondern als Lebensmittel zum Einsatz kommen“, sagt auch Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Aktivkohle bindet nicht nur Schadstoffe und unerwünschte Bakterien, sondern auch wichtige Vitamine und andere Nährstoffe, die der Körper dringend braucht.“ Gesünder wird ein Wasser oder Smoothie durch die Zugabe von Aktivkohle also nicht. Und auch ein Eis oder süßes Croissant wird durch Kohle nicht plötzlich zum gesunden Snack.

„Bei Durchfallerkrankungen sind Aktivkohletabletten als natürliches Heilmittel völlig in Ordnung und durchaus sinnvoll“, erklärt Schwartau. Ist man aber nicht krank und nimmt zu viel Aktivkohle zu sich, kann das Magen-Darm-System gestört, die natürliche Bakterienflora im Darm negativ beeinflusst werden und ein Vitaminmangel entstehen. Noch dazu kann Aktivkohle in größeren Mengen die Wirkung einiger Medikamente, auch die der Antibabypille, beeinflussen und minimieren. „Selbst einige Hersteller der Produkte sagen, dass man nicht zu viel davon konsumieren sollte. Das sagt doch schon einiges aus“, ergänzt Schwartau.

Die Verbraucherschützerin animiert dazu, dass wir als Verbraucher Trends immer möglichst kritisch hinterfragen. „Gerade im Foodbereich gibt es immer wieder neue Hypes“, sagt sie. „Mal ist was dran – und mal eben auch nicht. Man denke nur an das sogenannte Superfood, das zuletzt in aller Munde war. Da war auch nicht alles Gold, was glänzt.“ Und bis die Wissenschaft auf ein Thema aufmerksam wird und die beworbenen Wirkungen hinterfragt, kann es dauern. „Solange verdienen Hersteller mitunter viel Geld mit den Produkten“, sagt Schwartau.

Charcoal Masks & Co: Macht Aktivkohle schön?

In Sachen Food ist beim Kohletrend aber noch nicht Schluss. Auch die Beautyindustrie ist auf den Aktivkohle-Zug aufgesprungen. Die Versprechen klingen ebenfalls verlockend: Spezielle Masken („Charcoal Masks“) sollen die Haut porentief reinigen, Zahnpasten mit Aktivkohlezusätzen die Zähne aufhellen. Doch auch hier solltest du lieber kritisch sein. Bereits 2015 nahm die Zeitschrift ÖKO-TEST beispielsweise 15 Beautyprodukte mit Aktivkohle genauer unter die Lupe und fand teils bedenkliche Stoffe. „Wissenschaftliche Belege für die Wirkung der Aktivkohle fehlen auch im Kosmetikbereich bislang noch“, sagt Schwartau. „Ich sehe keinen großen Nutzen an den Produkten. Im Gegenteil: Die Haut kann relativ leicht austrocknen und die Zahnpasten wirken wie Schmirgelpapier und könnten den Zahn angreifen. Ich würde als Verbraucher eher darauf verzichten.“

Kurzum: Mit dem Hype um Aktivkohle lässt sich offenbar ordentlich Kohle verdienen. Gesünder und schöner machen dich die Produkte nicht unbedingt. Lediglich bei Magen-Darm-Erkrankungen kann es wirklich sinnvoll sein, Aktivkohletabletten einzunehmen. Bitte sprich im Zweifel immer einmal mit deinem Arzt, bevor du selbst eine „Kohletherapie“ startest. Das Geld für angereichertes Detox-Wasser & Co. kannst du dir hingegen getrost sparen.

Über Nicole Benke


Nicole Benke (37) liebt gutes Essen – am liebsten selbst gekocht aus frischen Produkten der Saison. Von Crash-Diäten hält die Food-Journalistin gar nichts. Sie findet: Eine gesunde Ernährung soll Spaß machen, darf nicht verkrampft sein und muss auch mal Raum für Genuss bieten. Denn strikte Verbote machen nur schlechte Laune. Und wer kann die schon gebrauchen?


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