Die neuen Ess-Klassen

Sag mir, was du isst und ich sage dir, wer du bist. Immer mehr Menschen ernähren sich bewusster: Doch was steckt hinter den Trends? Unsere Autorin Bruntje Thielke gibt einen Überblick.

Sie verzichten auf jedes tierische Produkt, essen wie die Steinzeitmenschen oder nur das, was die Natur freiwillig hergibt. Doch nach welchen Regeln ernähren sich eigentlich Veganer, Frutarier und Paleo-Fans genau – und wie gesund ist das?

Frutarier

Eine strenge Art der Ernährung: Frutariern ist es wichtig, dass für ihr Essen keine Pflanzen vernichtet werden. Das heißt: Auf den Teller kommt nur, was die Natur freiwillig hergibt, also Lebensmittel, die gepflückt werden können, ohne die Pflanze zu zerstören: Obst, Beeren, Nüsse und Gemüsearten wie Tomaten oder Erbsen. Kartoffeln, Zwiebeln oder Kohl dagegen sind tabu, da sie bei der Ernte zerstört werden. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für alle Lebensmittel, die nicht direkt aus der Natur kommen, wie zum Beispiel sämtliche Milch- und Getreideprodukte - das schränkt den Speiseplan natürlich drastisch ein, entsprechend wenige Frutarier gibt es in Deutschland. Die weltweit bekanntesten waren Mahatma Gandhi und Steve Jobs, beide hielten die Radikal-Diät allerdings nur eine Zeitlang durch. Das Motiv der meisten Frutarier: Sie wollen nicht, dass für ihr Essen Lebewesen getötet werden. Allerdings ist diese Form der Ernährung mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden, da die Zufuhr von wichtigen Proteinen, Vitaminen und Mineralien dabei dauerhaft nicht ausreichend gewährleistet ist.

Paleo-Diät

Die Bewegung kommt aus den USA, wo ihre Anhänger aus dem Essenstrend eine Art Lifestyle gemacht haben. Essen wie unsere Vorfahren in der Steinzeit – dahinter steckt die Annahme, dass wir gar nicht dafür geschaffen sind, kohlenhydratreiche Produkte aus landwirtschaftlichem Anbau zu essen. Denn der Mensch, so die Paleo-Fans, habe sich seit der Steinzeit genetisch ja nicht mehr verändert. Also kommt nur auf den Tisch, was schon für unsere Urahnen verfügbar war: Fleisch, Fisch, Eier, Obst, Gemüse, Pilze und Honig. Aber keine Produkte aus Ackerbau oder Viehzucht wie Brot, Milch oder Zucker. Eine wissenschaftliche Grundlage für die Paleo-Power, auf die ihre Anhänger schwören, gibt es nicht. Positiv, so Ernährungsexperten ist der Verzicht auf industriell gefertigte Lebensmittel und der Fokus auf frischen Produkten. Der Verzicht auf ganze Lebensmittel-Gruppen macht gesundheitlich jedoch wenig Sinn. Besser: Eine normale, möglichst breit gefächerte Mischkost.

Rohköstler

Die Anhänger dieser Bewegung halten gebratene oder gekochte Lebensmittel für schädlich und essen nur Produkte, die nicht erhitzt wurden. Rohköstler glauben, das sei gesünder, weil bei herkömmlicher Zubereitung Nährstoffe und Vitamine „totgekocht“ würden. Auf ihrem Speiseplan stehen deswegen vor allem Obst, Gemüse oder Nüsse. Morgens frühstückt der Rohköstler seinen Smoothie, über den Tag gibt es dann Tomaten, Sellerie, Bananen oder Feigen. Streng genommen dürften Rohköstler auch ungegartes Fleisch essen, etwa Tartar, doch die meisten Fans dieser Ernährungsform bevorzugen die vegetarische Variante. Genaue Zahlen über Rohköstler in Deutschland gibt es nicht, Schätzungen belaufen sich auf einige Tausend. Mediziner sehen die Ernährungsweise kritisch, es besteht die Gefahr von Untergewicht und einer Unterversorgung mit wichtigen Vitaminen wie D, B2 und B12.

Veganer

Ihnen reicht es nicht, nur auf Fleisch zu verzichten. Veganer meiden konsequent sämtliche tierischen Lebensmittel, also auch Milch, Honig oder Eier und nutzen auch keine Produkte wie Leder oder Daunenkissen. Dahinter steht oft eine ablehnende Haltung zu moderner Massentierhaltung, Monokulturen und dem daraus resultierenden Klimawandel.

Doch Veganer setzen ihre Ernährung auch gezielt als Selbstbehandlung ein, gegen Hautprobleme, Migräne oder Gicht. Die Veggie-Bewegung wird immer beliebter: Schätzungen gehen derzeit von rund acht Millionen Vegetariern inklusive rund einer Million Veganern aus – Tendenz steigend.Laut einer Studie des Robert Koch Instituts sind 81 Prozent der Veganer Frauen, am höchsten ist ihr Anteil in der Altersgruppe zwischen 18 und 30 Jahren. Und: Mit zunehmendem Bildungsstand erhöht sich der Anteil der Menschen, die sich rein pflanzlich ernähren.

Aber Trend hin oder her – ist der konsequente Verzicht wirklich gesund? Unter allen ernst zu nehmenden Experten gilt eine vegane Ernährungsweise heute als unproblematisch – wenn man bestimmte Regeln beachtet. Um Mangelerscheinungen bei Eisen, Kalzium und einigen Fettsäuren zu vermeiden, sollten Veganer gezielt pflanzliche Produkte essen, die diese Substanzen enthalten. Mandeln, Rucola oder Spinat etwa liefern Kalzium, Linsen und Kichererbsen Eisen, Omega-3-Fettsäuren sind Bestandteil von Lein- und Rapsöl. Problematisch kann eine Unterversorgung mit dem Vitamin B12 sein, hier helfen angereicherte Lebensmittel oder Substanzen zur Nahrungsergänzung. Schwangere oder Mütter von Säuglingen oder Kleinkindern sollten sich medizinisch beraten lassen. Generell gilt: Auch weil Veganer weniger rauchen und Alkohol trinken, sich aber mehr bewegen, leben sie messbar gesünder als der Durchschnitt der Bundesbürger und leiden seltener unter Übergewicht.

Vegetarier-Formen

Vegetarier ernähren sich fleischlos – das ist soweit klar. Aber es gibt einige Unterformen:


  • Der Ovo-Lacto-Vegetarier: Das ist die Bezeichnung für den klassischen Vegetarier – er isst kein Fleisch und keinen Fisch, dafür aber durchaus Milchprodukte und Eier.

  • Pescetarier essen kein Fleisch, greifen aber bei Fisch zu.

  • Lacto-Vegetarier ernähren sich klassisch vegetarisch, aber verzichten auch noch auf Eier. Milchprodukte allerdings stehen auf ihrem Speiseplan.

  • Bei Ovo-Vegetariern ist es umgekehrt: Sie verzichten auf Fleisch und Fisch, nehmen aber auch keine Milchprodukte zu sich – dafür Eier.

Über Bruntje Thielke


Job und Familie halten die Hamburger Journalistin Bruntje Thielke (44, verheiratet, ein Sohn) ordentlich auf Trab. Was früher nur Bauchgefühl war, spiegelt sich in Zahlen wider, seit die Food-Expertin eine Fitness-Uhr trägt. An den meisten Tagen zeigt das Gerät weit mehr als die empfohlenen 10.000 Schritte an, die wir pro Tag zurücklegen sollten.


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