Startbereit: Ingalena Schmöburg-Heuck mit Sohn Frederik. | © Norbert Wilhelmi

„Als Profisportlerin war ich egoistisch, als Mutter nicht.“

Sie war eine der erfolgreichsten Langstrecken-Läuferinnen Deutschlands. Heute tritt Ingalena Schömburg-Heuck mit ihrem Sohn (2) im Sportbuggy bei Wettkämpfen an.

2016 wurde dein Sohn Frederik geboren, vier Jahre nach deinem Karriereende als Profisportlerin. Hattest du deine Familienplanung bewusst hinter den Leistungssport angestellt?

Nein, da gibt es in meinem Fall keinen Zusammenhang. Ich habe vor fünf Jahren primär mit dem Leistungssport aufgehört wegen meiner Verletzung am Fuß. Damals war ich 26 Jahre alt – und vorher hätte ich mir ein Kind in meinem Leben noch nicht vorstellen können. Aber grundsätzlich gilt natürlich, dass es für Leistungssportlerinnen nicht immer leicht ist, Kinder zu bekommen. Gerade bei sehr schlanken, durchtrainierten Läuferinnen ist die Menstruation selten planbar und die Fruchtbarkeit oft nicht hoch. Insofern bin ich sehr froh und dankbar, dass sich mein Körper reguliert hat und mein Sohn gesund und munter ist.

Wie war es für dich, als du erfahren hast, dass du schwanger bist?

Ich habe es in der siebten Woche erfahren und mich sehr gefreut. Klar habe ich mich auch gefragt, was für kleine Sünden ich in der ersten Zeit begangen hatte, als ich noch nichts von der Schwangerschaft wusste. Hatte ich etwa zu hart trainiert, etwas Falsches gegessen? Aber alles in allem habe ich meine Schwangerschaft als riesengroßes Geschenk betrachtet.

Du bist ja immer noch viel gelaufen, hast viel trainiert – hast du deine Trainingsgewohnheiten in der Schwangerschaft verändert?

Natürlich habe ich mich informiert – erst im Internet, doch das habe ich angesichts der vielen, teils widersprüchlichen Informationen schnell gelassen. Ich wollte alles richtig machen und habe offen mit meiner Ärztin gesprochen: Gemeinsam haben wir geguckt, wie ich für mich – und mein Kind – weiter gesund Sport treiben kann. Grundsätzlich gilt: Was man vorher schon gemacht hat, kann man in moderater Form auch weitermachen, immer in Abstimmung mit dem Frauenarzt und mit viel Bewusstsein.

Was hat das in deinem Fall konkret bedeutet?

Auch in der Schwangerschaft tat mir Sport einfach sehr gut. Bewegung gehört schon immer zu meinem Leben dazu, es ist ein essentieller Teil, um mich gut zu fühlen. Anfangs bin ich noch primär gelaufen, wenn auch in moderater Form: Bis zur 20. Woche bin ich noch etwa drei Mal die Woche eine Stunde gelaufen, am Ende immer weniger – in der 32. Woche waren es dann nur noch 30 Minuten. Stattdessen habe ich dann viel Wassersport betrieben: Schwimmen tat mir sehr gut.

Hast du deine alternativen Trainingspläne angepasst, vielleicht auch neue Übungen mit aufgenommen?

Bestimmte Kräftigungsübungen habe ich natürlich vermieden – speziell etwa beim Bauchtraining. Dafür habe ich mehr Übungen für den Beckenboden in mein Programm integriert. Auch Schwangerschaftsyoga habe ich ausprobiert.

Ich wollte alles richtig machen und habe offen mit meiner Ärztin gesprochen: Gemeinsam haben wir geguckt, wie ich für mich – und mein Kind – weiter gesund Sport treiben kann.

Ingalena Schömburg-Heuck, Mutter und ehemalige Profisportlerin

Heute zeigst du anderen Menschen als Coach, wie es läuft. Was für einen Tipp hast du speziell für Schwangere, für Mütter?

Hört auf euer Bauchgefühl, der eigene Körper zeigt einem doch sehr deutlich, was einem guttut und was eben auch nicht. Und diese Signale solltet ihr dann auch nicht ignorieren: Wenn sich etwas nicht gut anfühlt, solltet Ihr es lassen. Es gibt nicht den einen universellen Trainingsplan für Schwangere oder Mütter, das ist individuell sehr unterschiedlich. Daher, liebe Mamas, trainiert ruhig, so lange ihr euch wohl dabei fühlt. Und nehmt eure Lieblinge einfach mit zum Sport. Es ist doch am Schönsten, wenn sie in jeder Hinsicht Teil unseres Lebens sind.

Wann hast Du nach der Schwangerschaft wieder mit dem Training angefangen?

Zwei bis drei Wochen nach der Geburt habe ich dann angefangen alle zwei bis drei Tage auf dem Spinningbike zu fahren, anfangs 30 Minuten, später bis zu 60 Minuten. Das war die ersten drei Monate mein Haupttraining. Nach zehn Wochen bin ich das erste Mal laufen gegangen, habe aber gemerkt, dass es noch nicht das Richtige für mich ist. Etwa vier Monate nach der Geburt konnte ich das Laufen wieder voll und ganz genießen – und mache es seither auch wieder regelmäßig.

Wie lief der sportliche Wiedereinstieg mit Kind für dich? Hattest du es dir so vorgestellt?

Ich war überrascht von mir selbst, dass ich mich so lange zurückhalten konnte. Als Spitzensportlerin war ich darauf konditioniert, immer möglichst schnell wieder zurückzukommen, wieder zu meiner Topform zu finden. Nach der Geburt meines Sohnes habe ich diesen Druck nicht verspürt, ich hatte gar nicht so das Bedürfnis. Ich habe ihn auch das ganze erste Jahr gestillt, das war mir sehr wichtig. Plötzlich hatte ich so viele unterschiedliche Prioritäten in meinem Leben, das hat mir sehr gut getan – und das ist auch heute noch so. Als Leistungssportlerin war ich sehr ichbezogen, das hat sich durch meinen Sohn verändert und dafür bin ich sehr dankbar. Er hat mir zu einer neuen Stabilität verholfen, das Leben mit meiner Familie hat mir den Druck genommen, immer besser, schneller, fitter werden zu müssen.

Aber du läufst immer noch: Und auch immer noch sehr schnell ...

Ja, ich habe trotzdem noch Lust, schnell zu rennen und mich voll auszupowern. Aber es ist entspannter, ich brauche kein Ziel mehr.

Und wie schaffst du es, Sportprogramm, gesunde Ernährung und Kinder-Alltag gut unter einen Hut zu bringen?

Mein Mann Dennis unterstützt mich sehr. Er kommt mal abends eher nach Hause, damit ich laufen kann oder kümmert sich an Wochenenden um unseren Kleinen, wenn mal ein Event ansteht. Aber vor allen Dingen ist im Alltag ein hohes Maß an Flexibilität nötig. Ich habe einen speziellen Laufkinderwagen von Thule und bin damit zum Beispiel oft mit zum Spielplatz gelaufen. Auf dem Rückweg, wenn Frederik eingeschlafen ist, habe ich meine Runde zu Ende gedreht. Ich hatte auch immer Trainingsklamotten dabei, dann habe ich mich etwa beim Kinderarzt umgezogen und bin zurückgelaufen. So ist es auch beim Essen: Wenn ich nicht gut esse, geht es mir nicht gut. Deshalb koche ich mit Frederik. Er ist einfach immer dabei – und das liebt er.

Als Leistungssportlerin war ich sehr ichbezogen, das hat sich durch meinen Sohn verändert und dafür bin ich sehr dankbar.

Ingalena Schömburg-Heuck, tritt heute mit ihrem 2-jährigen Sohn im Sportbuggy bei Wettkämpfen an.

Braucht man einen speziellen Buggy, um mit Kind laufen zu können?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe einen Sportbuggy mit drei Rädern. Für die Wirbelsäule der Kleinen ist es auch wichtig, dass die Wagen speziell gefedert sind.

Heute nimmst du als Babyjoggerin an speziellen Wettkämpfen teil ...

Ich habe 2017 den Women's Run in Köln mitgemacht. Eigentlich wollte ich nur mitjoggen. Doch dann packte mich die Lust. Ich durfte mit dem Kinderwagen am Start nach vorne und bin die ganze Strecke gelaufen – acht Kilometer, mit Buggy. Und ich wurde Zweite. Das war ein fantastisches Erlebnis: Meine Zeit war super, die Leute haben applaudiert, der Kleine hat gestrahlt – es war einfach sensationell.

War das dein persönlicher #BeatYesterday-Moment?

Auf jeden Fall der für mich persönlich bedeutendste. Aber es gibt immer wieder solche Momente. Wir wandern zum Beispiel auch sehr gerne. Wenn ich meinen Sohn einen Berg hinaufgetragen habe, ist das für mich jedes Mal wieder ein kleiner #BeatYesterday-Moment.

Über Ingalena Schömburg-Heuck


Die ehemalige deutsche Halbmarathon-Meisterin Ingalena Schömburg-Heuck lebt mit ihrer Familie in Bamberg. Als diplomierte Sportwissenschaftlerin arbeitet sie heute als Trainerin und Beraterin in den Bereichen Laufen und Ernährung.

Über #BeatYesterday-Autorin Bruntje Thielke


Job und Familie halten die Hamburger Journalistin Bruntje Thielke (44, verheiratet, ein Sohn) ordentlich auf Trab. Was früher nur Bauchgefühl war, spiegelt sich in Zahlen wider, seit die Food-Expertin eine Fitness-Uhr trägt. An den meisten Tagen zeigt das Gerät weit mehr als die empfohlenen 10.000 Schritte an, die wir pro Tag zurücklegen sollten.