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Hindernislauf: Hürden auf und abseits der Strecke

Triumph oder Niederlage – was steckt wirklich hinter Ergebnislisten? Ramona Richter hat Hindernisläufer Philipp Reinhardt getroffen und zum Saisonstart in Jena begleitet.

Das 21. Sparkassen Leichtathletikmeeting in Jena lockt alljährlich besonders junge Nachwuchsathleten ins Ernst-Abbe-Stadion. Dieses Jahr stand erstmalig auch 3.000 m Hindernis mit auf dem Programm. Fast die gesamte nationale Spitze im Hindernisbereich war am Start, um der Veranstaltungspremiere bzw. ihrem eigenen Saisoneinstieg standesgemäß Tribut zu zollen. Darunter auch Lokalmatador Philipp Reinhardt vom LC Jena, der bei seinem Heimspiel natürlich punkten wollte.

Der Otto-Normal-Zuschauer

Selten sind wir tatsächlich vor Ort, um es live mitzuerleben. Mit Glück gibt es einen Livestream. Von den Athleten wissen wir dann aber auch nicht unbedingt mehr und meistens bleibt uns nur die Ergebnisliste, anhand derer wir unser Urteil fällen. Dabei haben wir eigentlich keinerlei Ahnung, was hinter einem Erfolg oder (nur vermeintlichen) Misserfolg steckt. Generell steht nur die Leistung im Fokus und der Mensch hinter dem Sportler ist uninteressant.

Aber ist das so? Sind es nicht gerade die Hintergrundgeschichten und persönlichen Details, die uns neugierig machen?

Was bringt es uns, durch die Ergebnisse zu scrollen, ohne tatsächlich zu wissen, welche Umstände dazu führten? Halbes Wissen ist zwar auch ein Wissen aber nicht aussagekräftig. Und dabei kommt vor allem häufig die Wertschätzung zu kurz.

Was oder wer steckt also dahinter?

Ich heftete mich deshalb an die Seite des 23-jährigen Hindernisläufers Philipp Reinhardt und wollte ihm bei seinem Saisoneinstieg über 3.000 m Hindernis begleiten. Spätestens nach seiner Leistung beim 71. Paderborner Osterlauf, wo er am 15. April 2017 mit 29:27 Min. über 10 km bester Deutscher wurde, musste der Herr einmal näher unter die Lupe genommen werden.

Der Beginn meiner Homestory

Die Regionalbahn fuhr pünktlich am Freitag um halb sieben am Westbahnhof ein. Nachdem ich meinen Koffer die für mich ungewohnten Höhenmeter in Richtung Studentenwohnheim hinter mir herzog, erwartete mich ein freundlich aber bereits konzentriert wirkender junger Mann. (Ungewöhnlich braun, was wohl dem dreieinhalbwöchigen Trainingslager in Südafrika geschuldet war.)

Gleich zu Anfang ging mir dahingehend das erste Licht auf bzw. seine Leistung beim 27. Internationalen Laufermeeting in Pliezhausen wurde in ein anderes Licht gerückt: Obwohl er mit 8:15,04 Min. über 3.000 m deutlich über seiner persönlichen Bestmarke (8:04,91 Min.) lag, ist das noch kein Grund, dass die Leistungskurve auf einmal tendenziell nach unten zeigen muss. Aber viele sehen nur das Ergebnis und stellen es nicht in Relation.

Auch wenn Paderborn seine und unsere Erwartungen hochgeschraubt hat, ist das Trainingslager keine zu unterschätzende Belastung. Wer also direkt von der Landebahn auf die Tartanbahn wechselt und 110% abrufen möchte, muss sich womöglich eingestehen, dass das doch eher schwierig werden könnte.

Kein Akku zeigt am Ende des Monats noch 100% an

Der Flugmodus – 12h Economy Class – konnte auch nicht wesentlich zur Regeneration bzw. dem Erhalt des Energiestatus beigetragen. Deshalb wusste Philipp eigentlich schon vor dem Start: „Die letzten drei Runden werden hart!“ Er kämpfte sichtlich gegen seine schweren Beine an, die sich einfach nach einer Pause sehnten und nur schwerfällig seinem unermüdlichen Ehrgeiz folgen konnten.

Wenn du als Perfektionist deinen Ansprüchen nicht gerecht wirst

Und eben dieser Perfektionismus gepaart mit Philipps Ehrgeiz machen es ihm nicht immer leicht, Leistungen zu akzeptieren, die seinen persönlichen Anforderungen nicht gerecht werden. Und das, obwohl vielleicht unvermeidbare Umstände für jenen „Misserfolg“ verantwortlich waren. Das „Abhaken“ braucht dann einfach seine Zeit. Wobei davon dieses Mal nur wenig übrig blieb, schließlich stand bereits zwei Wochen später der nächste Wettkampf an: das besagte 21. Sparkassen Leichtathletikmeeting in Jena.

Die letzten 20 Stunden vor dem Wettkampf

Am Abend gab es die obligatorische Pasta und im Anschluss einen entspannten Film, damit sich Gedanken und Aufregung nirgends festbeißen.

Am Wettkampftag selbst gab es morgens noch mal Müsli, mittags Pasta-Reste und weil sich beim pausenlosen Beine-Stillhalten das Adrenalin unnötig staut, begleitete ich Philipp auf einen lockeren Spaziergang.

Wenn die Pollen in der Luft zum eigentlichen Gegner werden

Anstelle der frischen Luft überrollten uns beim Spazieren etliche Pollen-Schwarten und mit 25 Grad und praller Sonne wurde es auch schön muckelig warm. Wärme aber macht Philipp eigentlich nichts aus: „Unter solchen Umständen bin ich meistens sogar Bestzeit gelaufen.“ Dass die Pollen dabei allerdings zum gefährlicheren Gegner werden und sich schwer auf die Lunge legen, hatte er so jetzt nicht gedacht. „Ich hatte zwar schon seit einer Woche etwas Atemprobleme, aber hätte es nicht mit einer allergischen Reaktion in Verbindung gebracht. Normalerweise läuft einem ja die Nase und die Augen jucken. Also habe ich es eher auf mein Belastungsasthma geschoben.“

Keine Zeit, keine Regeneration

Stichwort Durchatmen: Dazu blieb dem Medizinstudenten wie gesagt nach Pliezhausen leider kaum Möglichkeiten. Nicht nur, weil mit dem Sparkassenmeeting in wenigen Tagen gleich der nächste Wettkampf anstand, sondern auch, weil wie schon nach Südafrika direkt der nächste Spannungszustand folgte: zwei Wochen Praktikum!

Nach der Visite ist vor dem Sport

Um kurz vor halb sieben klingelte meistens der Wecker, um kurz nach halb sieben ging bereits der Bus Richtung Klinik. In Kittel gehüllt stand Philipp entweder stundenlang im OP-Saal oder sammelte im Schnitt 8.000 Extraschritte, während er auf Station von Zimmer zu Zimmer rannte. Im täglichen Zeitkontingent noch nicht mit einberechnet: die Kilometer, die man schließlich noch während des Trainings abspulte. Und als gewisses Aushängeschild für den Verein und der Veranstaltung musste man irgendwann auch noch den Presseanfragen gerecht werden.

Wenn Kopf und Beine stets auf 100% gepolt sind

Dass die Regeneration innerhalb dieser zwei Wochen schwer hinterherkommt, war zu erwarten. Aber Philipp hatte sich bewusst für jene duale Karriere entschieden. Und eigentlich spricht sein aktueller Trainingszustand für ein erfolgreiches Bewältigen seiner beiden Alltagssäulen: Studium und Leistungssport. Übrig bleibt meistens nur: aus den Gegebenheiten das Beste zu machen. Aber nicht immer kommt der eigene Ehrgeiz dagegen an.

Wenn die Hüfte beim Techniktraining streikt

Zu allem Überfluss kamen neben der mangelnden Regeneration und den Atemproblemen auch Hüftprobleme hinzu, die schon im Trainingslager kein wirkliches Techniktraining für die Hindernisse zuließen. Am Wettkampftag hatte er zwar keine Schmerzen mehr, trotzdem ließ die Technik immer noch zu wünschen übrig. Während des Spazierens erfuhr ich also Details, die nicht gerade einen rosigen Ausgang des Rennens prophezeiten. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, dass sich Philipp auf irgendwelchen Ausreden ausruhte.

Augen zu und durch lautete die Devise

Wobei das „Augen zu und durch!“ im Hindernislaufen eher weniger angebracht ist. Höchstens die gedanklichen Hindernisse, die sich vor einem Wettkampf einschleichen, hieß es zu überhören, damit der bevorstehende Wettkampf nicht zu einer nervenraubenden Kopfsache wird, die am Ende noch das größte Hindernis sein kann.

Wenn der Kopf den Takt vorgibt

Jeder Schritt muss sitzen, der Rhythmus muss stimmen, damit das Hindernis inklusive Wassergraben im richtigen Moment, mit dem richtigen Bein und der richtigen Technik überlaufen wird. In der Summe legten sich also unterschiedliche Fallstricke um die Beine des Hindernisläufers. Aber trotz Aufregung und Bedenken kam bei Philipp auch der Wetteifer nicht zu kurz.

Die letzten Minuten bis zum Start über 3.000 m Hindernis

Wir hatten etwas Zeitverzögerung, sodass der Start nicht wie geplant um 17:20 Uhr stattfand, sondern auf kurz nach halb sechs verschoben wurde. So lange wie möglich hielt sich Philipp deshalb im Schatten auf, bis es eine halbe Stunde vor Rennbeginn noch mal ins Warm-up ging.

Startschuss

In insgesamt siebeneinhalb Runden mussten vier Hindernisse plus Wassergraben überlaufen werden. Diese wurden für Philipp aber gefühlt Runde für Runde immer größer und die Konkurrenz stärker. Trotzdem kämpfte er bis zum Schluss gegen an und sich nach enttäuschenden 9:05,92 Min. ins Ziel. Dort ließ er sich erschöpft auf den Boden fallen. Neben der Erschöpfung natürlich auch große Enttäuschung.

Wenn man als neutrale Journalistin Mitgefühl zeigt

Ich habe normalerweise keine Hemmungen, auf die Athleten zuzugehen. Aber aufgrund der Dinge, die ich über Philipp erfahren durfte - sein unermüdlicher Kampfgeist und der hohe Anspruch an sich selbst -, konnte ich mir nur zu gut vorstellen, was in ihm vorging. Deshalb fehlten mir einfach die richtigen Worte. Was sollte ich schon sagen, geschweige denn fragen, wenn man an sich die Antworten schon kannte? Ein Interview schien irgendwie nicht angebracht. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass das einfach zu meiner Rolle als Journalistin dazugehört. Zitate lassen sich schließlich nicht einfach erfinden.

Ich hätte mir an dieser Stelle gewünscht, wieder nur mit Halbwissen auf den Athleten zuzugehen. Unvoreingenommen. Man würde einfach zurückgewiesen werden und müsste sich damit zufriedengeben, wenn sich der Athlet gerade zurecht nicht äußern mag. Aber ist Empathie nicht gerade das, was den Bericht am Ende von der Ergebnisliste unterscheidet? Und vielleicht ist man dadurch auch nicht irgendein abgewiesener Reporter, sondern kann sich den Athleten auf einer anderen Vertrauensbasis nähern und bekommt so am Ende doch sein Fazit zum Rennen? Das da lautete: „Katastrophe!“ Mehr Worte brauchte es seitens Philipp nicht.
 Höchstens der Nachtrag: „Ich bin einfach enttäuscht, weil es eigentlich nicht dem derzeitigen Trainingszustand entspricht.“ Und dabei beließ ich es. Begegnete seiner Leistung dennoch mit Wertschätzung, da ich sie aus einem anderen Blickwinkel betrachten und somit relativ gut einordnen konnte.

Mir bleibt Philipp an dieser Stelle nur Kraft und neue Zuversicht zu wünschen. Dass aus dem schweren „Sacken-lassen“ hoffentlich schnell wieder ein uneingeschränktes Durchatmen wird und letztlich der verdiente Konterschlag. Denn dazu ist er mehr als in der Lage!

Über Ramona Richter


Ramona Richter ist sprichwörtlich als „Rasende Reporterin“ bei Laufevents mit Kamera, Diktiergerät und Laufschuhen dabei. An der Startlinie als passionierte Asics-Frontrunnerin, im Ziel mit der Laufelite vor der Kamera. Die studierte Bewegungswissenschaftlerin ist sportlich vielseitig aktiv und lebt im Norden von Hamburg.


(Bildquellen: Privat; Marcel Lehmberg)

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